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.Life is a lemon.

 

Prolog: Was die Nacht verbirgt


 

Seufzend steige ich in die U-Bahn ein, die soeben in den Bahnhof eingefahren ist, an dem ich gewartet habe. Scheiß Tag. Alles schief gegangen, restlos alles. Um mich abzureagieren, brauche ich jetzt einen Kick. Sonst hyperventiliere ich, sonst drehe ich vollkommen durch. Um das zu verhindern, bin ich zum U-Bahnhof gegangen, habe mir eine Fahrkarte zur Uni gekauft und suche mir jetzt wie schon so oft ein leeres Abteil.

Muss auch gar nicht lange durch den Zug laufen. Es ist Samstagnacht, kurz nach elf. Da fährt kaum noch wer aus Mitte Richtung Universität.

Die Studenten haben Semesterferien, hat Sandrine gesagt. Umso besser, dann hab ich meine Ruhe vor diesen bebrillten Möchtegernschlaumeiern, die einen ungebeten zutexten. Ich mag sie nicht. Auch wenn man mit einigen von ihnen wirklich gut reden kann, über Umweltpolitik und Tierschutz. Eins haben sie jedoch gemeinsam: Sie sind alle viel zu aufdringlich.

Egal. Jetzt sind sie ja Gott sei Dank nicht da. Ich zucke die Schultern, stelle meinen Rucksack auf einen leeren Sitz. Die Graffity-Dosen in ihm scheppern. Ich habe heute Nacht noch einiges vor.

Mit aufsteigendem Kribbeln im Bauch setze ich mich neben den Rucksack. Warte ab, ob sich noch jemand zu mir gesellt. Wenn ja, dann muss ich mir doch noch ein anderes Abteil suchen. Ich brauche keine Zuschauer, keine Zeugen. Hab sowieso schon viel zu viele Anzeigen. Und auf Knast keinen Bock. Also sorge ich dafür, dass man mich nicht wieder erwischt.

Die U-Bahn rollt aus dem Bahnhof, hinein in einen dunklen Tunnel. Noch ist es zu früh, noch könnte jederzeit jemand einsteigen zu mir. Der nächste Bahnhof ist viel zu nahe, als dass ich mein Vorhaben schon riskieren könnte. Drei Stationen noch, dann kommt eine lange unterirdische Strecke, dann kann ich es wagen.

Ich kenne die Linie besser als meine Westentasche. Schon so oft diente sie mir als Druckventil. Als ein Ventil, das die Bullen mir zuschrauben wollen. Hundertmal und mehr haben sie mir eingebläut, es sein zu lassen. Es sei illegal. Es sei lebensgefährlich. Aber was interessiert mich das? Ich strecke die Beine aus, überkreuze die Knöchel. Ein Bahnhof noch. Meine Armbanduhr piepst einmal – schon viertel nach elf. In einer halben Stunde habe ich eine Verabredung. Müsste zu schaffen sein. Ich werfe einen Blick aus dem Zugfenster, richte mich auf. Wir fahren in den Tunnel, der Zug beschleunigt.

Genau der richtige Zeitpunkt.

Ich suche mir ein Fenster aus, öffne es. Schwierig, aber machbar. Mit Gewalt geht schließlich alles. Mit den Händen suche ich mir Halt an der Dachkante, finde ihn. Meine Füße stützen sich am Fenster ab. Ich spüre den Fahrtwind meine Haare packen, schließe die Augen. Es ist verboten. Es ist genial. Ehe ich mich versehe, spüre ich es: Der Geschwindigkeitsrausch hat mich gepackt.

Die wenigen Lichter, die den Tunnel erhellen, verschwimmen vor meinen halb geöffneten Augen. Nach der Markierung spähend, genieße ich den Surf – ich liebe das. Ich brauche diesen Adrenalinstoß, diesen Kick. Den Wind zu spüren, die Geschwindigkeit zu spüren – das Verbotene zu spüren. Es ist geil. Einfach nur geil. Mein Jubelschrei dringt durch den Tunnel, wird verschluckt von der Dunkelheit.

Ich fühle mich frei – frei und bodenlos. Ich habe Flügel, mit denen ich fliege. Der Zug rauscht mit mir durch die Dunkelheit, während ich den Surf genieße. Schon so oft habe ich das gemacht. Nachts in eine U-Bahn gestiegen, in diesem Tunnel durch das Untergrundsystem gerauscht. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Mutprobe. Ein Beweis meiner Stärke. Ich bin unaufhaltsam. Ich bin mutig. Ich bin unangreifbar.

Ich atme tief ein, merke das atemberaubende Gefühl von Glückseligkeit durch mich hindurchströmen.

Zu schnell kommt die Markierung in Sichtweite, die ich mir ausgesucht habe. Das Zeichen, dass der Tunnel bald endet. Zeit für mich, wieder zurückzukraxeln. Bevor wir die Haltestelle „Universität“ erreichen und man mich erwischt.

Außerdem wird der Tunnel nun merklich enger. Das letzte Stück vorm Bahnhof ist das Gefährlichste. Das habe ich damals gelernt. Damals, als Leonard mich zum ersten Mal mitgenommen hat. Damals, als Leon mir zeigte, wie man U-Bahn surft. Damals, als Leon nicht schnell genug in den Zug zurückkam.

Ich atme auf, als ich den Bahnboden wieder unter meinen Füßen spüre. Im nächsten Moment fahren wir an Schildern mit merkwürdigen Zahlen vorbei. Ich sehe das kleine Kreuz, das wir damals aufgestellt hatten. Als die Strecke gesperrt gewesen war und wir uns durchmogeln konnten. Damals, als Leon auf den Schienen starb.

Ich seufze, wende den Blick ab. Das ist lange her. Aber noch heute hallt mir Leons Warnung in den Ohren nach. „Siehst du diese Linie an der Wand? Die Markierung, die Sandy und ich gemacht haben? Das ist eine Warnung für dich. An dieser Markierung musst du zusehen, dass du schnell wieder in den Waggon kommst, weil sich die Strecke danach rapide verengt. U-Bahn surfen ist gefährlich.“

Wie gefährlich, das wurde mir in derselben Nacht bewiesen, als Leon aus meinem Leben gerissen wurde. Leon, der mich aufgenommen hatte, als ich im Winter frierend durch die Gassen irrte. Leon, der sich um mich gekümmert hatte. Leon, dem mein Herz gehörte. Ich spüre plötzlich Tränen in den Augen, blinzele sie aber schnell weg.

Nein, nicht dran erinnern. Das tut nur weh. An Leon zu denken tut weh. Daran, dass er in mir nie mehr als einen engen Vertrauten, einen Bruder gesehen hat. Daran, dass er in seiner Todesnacht Sandy geküsst hatte. Daran, dass es den beiden nicht vergönnt war, glücklich zu werden. Nach Leons Tod ist Sandy aus unserer Bande ausgestiegen. Ich sehe sie heute kaum noch. Nur wenn sie wieder einmal in derselben Bahn fährt wie ich. Wenn sie mich dann mit Ratschlägen und Warnungen zutextet. Sandy hat sich verändert. Genau wie ich.

Ich bin abgestumpft, gefühllos geworden. Ich empfinde nichts mehr, für niemanden. Mit Leon sind meine Gefühle gestorben. Ich schaue aus dem Fenster, meinen Rucksack auf meinem Rücken. Wir erreichen den Bahnhof, und während ich aussteige, passiert Sandy mich. Sie sieht mich nicht an, starrt direkt an mir vorbei. „Lass es endlich bleiben“, zischt sie mir im Vorbeigehen zu. Ich drehe mich nicht um, straffe nur meinen Rucksack und steuere auf die Treppen zu.

Sandy ist heute Studentin im achten Semester in Germanistik.

Ich gehöre zu einer Gruppe Hiphoppern, die im Armenviertel der Stadt leben.

Unsere Welten haben sich damals getrennt. Wir sind verschieden geworden. Obwohl wir damals wie Zwillinge waren, jeder die Gedanken des Anderen kannte. Heute ist sie mir fremd. Aber das hält sie nicht davon ab, sich in mein Leben einzumischen. Ungefragt. Ungebeten. Unwillkommen. Ich will ihre Hilfe nicht. Ich komme allein klar. Und ich lasse mir nichts von ihr verbieten. Da kann sie sich noch so viel auf die sieben Jahre, die sie älter ist, einbilden.

Ich halte auf die Rolltreppe zu und während sie mit mir zurück in an die Oberfläche in die Dunkelheit der Nacht fährt, werfe ich der U-Bahn, in die Sandy gestiegen ist, noch einen Blick zu. Sehe zu, wie sie davon fährt. Für immer aus meinem Leben verschwindet. Ich sollte sie heute zum letzten Mal gesehen haben.

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To be continued!

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